Biografie

Hannah Arendt – Interview mit Günter Gaus

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Das legendäre Gespräch zwischen Hannah Arendt mit Günter Gaus. Im Zentrum stehen politisches Denken & Handeln sowie das Spannungsfeld von Philosophie und politischer Theorie.

Ein weiterer Aspekt sind Geschlechterrollen sowie die Reportage „Eichmann in Jerusalem“ von Hannah Arendt. Das kontrovers diskutiere Buch war 1963 in den USA erschienen und wurde im Herbst 1964 in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht. Im Kontext der  Analyse beschreibt sie ihr inzwischen berühmtes Konzept der „Banalität des Bösen“.

 

 

Dieses Interview des Journalisten Günter Gaus (1929-2004) mit der „Philosophin“ (sie lehnte diese Bezeichnung stets ab) Hannah Arendt (1906-1975) aus dem Jahr 1964 fasziniert auch heute noch.

 

Arendt wurde in Hannover geboren, wuchs aber in Königsberg in einer weltlichen kaufmännischen jüdischen Kultur auf. Ihr Vater starb, als sie sieben Jahre alt war, also wurde sie von ihrer Mutter und ihrem Großvater aufgezogen. Nach dem Abitur studierte sie an der Universität Marburg bei Martin Heidegger, mit dem sie eine kurze Affäre hatte, und der einen nachhaltigen Einfluss auf ihr Denken hatte. Sie promovierte 1929 an der Universität Heidelberg bei Karl Jaspers in Philosophie. 1941 emigrierte sie in die USA und war seitdem in verschiedenen Positionen in New York tätig.

Arendt, die sich in keine Schublade einordnen lässt, nannte ihre Arbeit „Denken ohne Geländer“.  Weitere Zitate:
„Alles Denken ist nachdenken – der Sache nach-denken.“

Über ihre intellektuelle Begabung: „Ich war der Meinung so sind alle. Ich was unbeschreiblich naiv. Das lag zum Teil an der häuslichen Erziehung. Es wurde nie über Zensuren gesprochen. Das galt als minderwertig. Jeder Ehrgeiz galt zu Hause als minderwertig.“

 

Günter Gaus, im Hauptberuf Journalist für die „Süddeutsche Zeitung“, hatte bereits 16 Männer in seiner Sendung „Zur Person“ zu Gast gehabt. Das Format wurde von mehreren Sendern und unter wechselndem Namen 40 Jahre (1963-2003) ausgestrahlt.
Gaus hatte nie die Intention mit seinen Gästen zu diskutieren. Er stellte Fragen, die ihnen Gelegenheit gaben, sich selbst darzustellen. Er wollte wissen, wie tickt dieser Mensch und was bewegt ihn. Wenn das Gegenüber auswich, hackte er unerbittlich nach. Dabei hielt er sich selbst stets zurück, lachte nicht, spottete nicht, erhob nicht seine Stimme.

 

Transkription der ersten Minuten

Gaus: Frau Hannah Arendt, Sie sind die erste Frau, die in dieser Reihe portraitiert werden soll; die erste Frau, wenn auch freilich mit einer nach landläufiger Vorstellung höchst männlichen Beschäftigung: Sie sind Philosophin. Darf ich von dieser Vorbemerkung zu meiner ersten Frage kommen? Empfinden Sie ihre Rolle im Kreise der Philosophen trotz der Anerkennung und des Respekts, den man Ihnen zollt, als eine Besonderheit? Oder berühren wir damit ein Emanzipationsproblem, das für Sie nie existiert hat?

Arendt: Ja ich fürchte ich muss erst einmal protestieren: Ich gehöre nicht in den Kreis der Philosophen! Mein Beruf, wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist politische Theorie! Ich fühle mich keineswegs als Philosophin, ich bin auch nicht, ich glaube nicht, in den Kreis der Philosophen aufgenommen, wie sie freundlicherweise meinen; aber wenn wir auf die andere Frage zu sprechen kommen, die Sie in der Vorbemerkung anschnitten: Sie sagen es ist landläufig eine männliche Beschäftigung, nun es braucht ja nicht eine männliche Beschäftigung zu bleiben! Es könnte ja durchaus sein, dass auch eine Frau einmal eine Philosophin sein wird.

Gaus: Ich halte Sie für eine solche!

Arendt: Ja also dagegen kann ich nichts machen! Aber ich selber darf doch auch eine Meinung äußern. Ich bitte darum! Und meine Meinung ist, dass ich keine Philosophin bin; ich habe meiner Meinung nach der Philosophie doch endgültig valet [Anmerkung: vale, Lat.: Abschiedsgruß] gesagt, ich habe Philosophie studiert, wie Sie wissen, aber das besagt ja noch nicht, dass ich dabei geblieben bin.